top of page

Die Entdeckung meiner Hochsensibilität –und wie sie mein Leben verändert hat

Es war im Jahr 2019…

Ich hatte aus einem Impuls heraus ein Magazin gekauft und bin beim Durchblättern auf einen Artikel gestossen, der mich interessierte. Ich weiss nicht mehr genau, wie der Titel lautete, aber er hat mich magisch angezogen. Es ging um Hochsensibilität. Ich las ihn wie gebannt durch und dachte bei jedem einzelnen Satz: «Die schreiben über mich! Das bin ich, so wie ich denke, fühle und funktioniere!».


Der grosse AHA-Moment

Zum Artikel gehörte auch ein Selbsttest. Ich habe eine sehr hohe Punktzahl erreicht und wusste nun, dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit hochsensibel bin. Es war ein grosser AHA-Moment. Ich hatte endlich ein Wort für das, was ich schon immer gespürt habe: Ich bin anders als die meisten Menschen. Ich habe mich oft nicht nur anders, sondern auch komisch oder fremd gefühlt. Es war eine grosse Erleichterung zu wissen, dass mit mir alles in Ordnung war. Ich bin einfach sensibler als der Durchschnitt. Um das zu erfahren, musste ich fast 40 Jahre alt werden!

Vor dem Lesen dieses Artikels hatte ich noch nie etwas von Hochsensibilität oder Neurodivergenz gehört oder gelesen. Auch nicht an der Pädagogischen Hochschule.


Die Veränderung begann

Ich fing an, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich bestellte Bücher, hörte Podcasts, begann zu forschen, wollte alles darüber wissen. Ich staunte nicht schlecht, als ich las, dass ca. 15-20% der Gesamtbevölkerung als hochsensibel gelten (die Forschung geht mittlerweile sogar von 30% aus*). Ich bin also nicht allein! Jeder 5. Mensch auf diesem Planeten tickt ähnlich wie ich! Ich begann auch, mein bisheriges Leben unter dem hochsensiblen Aspekt zu reflektieren. Ich erkannte nun, warum mich Anlässe mit vielen Menschen oder laute Geräusche schneller erschöpfen. Und warum ich schon immer viel Zeit für mich allein brauchte. Warum mich Veränderungen teilweise aus der Bahn warfen. Oder dass das sekundenschnelle Spüren von Stimmungen, wenn ich einen Raum betrete, kein Schwachsinn sind, sondern eine Gabe. Und ich wusste durch Gespräche mit meiner Mutter, dass ich schon so auf die Welt kam (Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal und kann als solches auch vererbt werden). Als Baby wachte ich jedes Mal auf, wenn ich im selben Zimmer schlief, wie meine Eltern und sie sich im Schlaf umdrehten. Ich war schon immer geräuschempfindlich. Ich galt als schüchtern, beobachtend und zurückhaltend. Bei traurigen Filmszenen brach ich in Tränen aus und brauchte Tage, um sie zu verarbeiten. Alles ging mir nah und ich nahm alles persönlich.


Stolpersteine und Strategien

Ich erkannte auch, dass ich mich in meinem bisherigen Leben zu oft angepasst habe. Zu oft über meine Grenzen gegangen bin. Zu oft die Bedürfnisse der anderen gesehen und meine ignoriert habe. Der Preis dafür waren Erschöpfungszustände. Ich musste mein Leben ändern, wenn ich nicht immer wieder in eine Erschöpfung geraten wollte. Ich musste aufhören, mich mit anderen zu vergleichen: «Die machen ja auch keine Pausen, also schaffe ich das auch. Die arbeiten auch 100%, also muss ich das doch auch hinkriegen. Die haben auch das ganze Wochenende verplant, warum schaffe ich das nicht?». Ich begann mein Leben zu verändern, meine Bedürfnisse kennenzulernen und mehr auf mich zu hören, anstatt auf andere. Ich begann, mich mehr abzugrenzen und sagte öfter nein. Es ist nicht so, dass dieser Prozess abgeschlossen wäre, es ist eine Lebensaufgabe. Aber ich habe mich dadurch besser kennengelernt und kann reagieren, wenn es wieder mal in die falsche Richtung läuft.


Ein Neuanfang

Durch die Vertiefung ins Thema Hochsensibilität bin ich auch auf die Ausbildung zur Beraterin für Hochsensibilität am IFHS (Institut für Hochsensibilität Schweiz) gestossen. Es war mir schnell klar, dass ich diesen Fachlehrgang unbedingt machen und anderen Hochsensiblen helfen möchte, ihr Leben leichter zu gestalten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits meinen bisherigen Beruf als Primarlehrerin aufgegeben. Ich war schon länger nicht mehr glücklich damit, konnte oder wollte dies jedoch lange nicht zugeben (nicht mal mir selbst gegenüber). Es waren diverse Gründe, die mich zu diesem Entschluss brachten. Die Entscheidung fiel mir alles andere als leicht. Aber unter anderem waren die Reizüberflutung in einem Klassenzimmer mit um die 25 Kindern und das Wissen, nicht annähernd allen gerecht zu werden für mich nicht mehr tragbar.

Ich war nun also Feuer und Flamme für das Thema Hochsensibilität und wollte einen Neuanfang wagen. Simultan zum Fachlehrgang am IFHS absolvierte ich die Ausbildung zum ganzheitlich psychologischen Coach am IKP in Zürich. Ich spürte, dass ich nun auf dem richtigen Weg war.


Neues Selbstbewusstsein

Immer häufiger sprach ich über meine Hochsensibilität in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis und war erstaunt, wie viele hochsensible Menschen ich (neu) entdeckte. Ich realisierte, dass das Thema wichtig war und dass man noch wenig darüber wusste. Ich machte mich selbständig und begann, mehrheitlich hochsensible Menschen zu coachen und zu begleiten. Es bereitet mir nach wie vor unglaublich viel Freude, hochsensible Menschen zu begleiten, sie durch meine Erfahrungen unterstützen zu können und ihre Fortschritte zu beobachten. Durch diesen ganzen Prozess gewann ich auch ein neues Selbstbewusstsein und damit auch mehr Selbstvertrauen. Niemals hätte ich vor 7 Jahren geahnt, wo mich dieser Artikel hinführen könnte. Hätte mir jemand gesagt, dass ich mich einmal selbständig machen würde, hätte ich bloss gelacht. Heute ist das ein Teil meines Lebens. Deshalb bin ich hier. Ich möchte mehr Menschen über das Thema Hochsensibilität oder Neurodivergenz informieren und sensibilisieren. Ich möchte, dass mehr hochsensible Menschen ihr Selbstvertrauen stärken, ihr Potenzial entfalten und unsere Gesellschaft positiv beeinflussen können. Denn die Welt braucht unsere Empathie, unser vorausschauendes Denken, unsere Kreativität, unsere Vorstellungskraft, unsere Tier- und Naturliebe, unsere Beobachtungsgabe, unsere emotionalen und sozialen Fähigkeiten und alle anderen Stärken, die in Hochsensiblen stecken. Auch du bist ein Teil dieser Veränderung. Danke, dass du hier bist. Danke, dass auch du dich auf den Weg machst.


Herzlich, Jacky

*mehr zur aktuellen Forschung auf: www.sensitivityresearch.com

 
 
 

Kommentare


bottom of page